Sex ist eine der wichtigsten Dinge in unserem Leben. Kennt ihr sicher auch diese Situation. Der Kollege oder Freund kommt daher, ist unausgeglichen, launisch und schnell reizbar. Die Frage, dann eher scherzhaft gemeint, „Na schlechten Sex gehabt“, ist nicht mal falsch. Ein gesundes Sexualleben spielt eine entscheidende Rolle in unserem Wohlbefinden. Und ein funktionierendes Umfeld stärkt in nicht unerheblichem Maße das Selbstwertgefühl.
Und das kann sich sehr schnell bis drastisch ändern, wenn wir uns, wie man so sagt, in unserer Haut nicht wohl fühlen. Dieses Gefühl kann umso intensiver sein, wenn es um den zentralen Punkt Sexualität geht. Wenn alle deine Klassenkameraden und Freunde schwer auf Mädels abfahren und du daneben stehst und so wirklich nichts spürst. Aber wenn da ein hübscher Bengel vorbeikommt, vielleicht so einer, so hübsch, wie ihn sich zwei Schwule nur am Telefon gedanklich malen können und dir das Blut in Wallung bringt, dann ist die Grübelei perfekt. Du stehst da und denkst, bin ich in n`er falschen Welt. Letztlich wirst du dich zurückziehen, es mit dem allein sein probieren. Und vielleicht irgendwann dich deiner Gefühle schämen. Die Folge kann bis zu einer ausgewachsenen Depression führen.
Zumindest was Schwule und Lesben betrifft, hat sich in der Welt viel verändert. Inzwischen ist Homosexualität weitestgehend akzeptiert und kein Grund mehr für gesellschaftliche Ausgrenzung. Das ist auch gut so. Wer sich heute als Homosexueller gegenüber seiner näheren Umwelt outet, der erntet oft nur noch ein müdes Lächeln, oder sogar neugierige Hetero-Fragen nach den Motto: was macht ihr`n da so alles? Vielleicht rollt bei Mutti ein wehmütiges Tränchen, weil es mit den Enkelchen auf dem Schoß nun nichts wird.
Weit schwieriger hat`s da ein SMer. Da klappts dann möglicherweise mit dem Enkel. Nur erkläre mal Mutti und Vati, das du nur kommst, wenn die Peitsche auf deinem Rücken knallt. Oder du dich als Sklave demütigen lässt. Von NS/KV oder Fisting ganz zu schweigen. So lieb sie dich auch haben mögen. Eine leichte Gesichtsentgleisung ist wohl das wenigste. Und deshalb klebt dem SM immer noch etwas Nebulöses bis boshafte Verunglimpfung an. Aufgeklärt ist da die „aufgeklärte Gesellschaft“ bei weitem noch nicht. Mit störrisch beibehaltenem Halbwissen werden Menschen, die die Lust anders empfinden in die Dunkelheit gedrängt.
In diesem Umfeld zu erkennen, ich bin SMer oder gar noch sich dazu zu bekennen und den Allerliebsten das auch noch mitzuteilen? Da wird dann auch der bisher Allerliebste manchmal zum Gegner. Die heterosexuelle Erwartung der Umwelt ist immer noch dominierend. Möglicherweise kommen dann Mobbing unter den Kollegen dazu, dass kann zur Spirale werden und bei der Entlassung oder Kündigung enden, vorerst. Ja, leider auch heute noch. Viele SMer bleiben da lieber verschlossen. Selbst der Ehepartner weiß oft nichts von den geheimen Lüsten.
Über`s Outing hat sicher jeder schon mal nachgedacht. Und jeder hat sich gefragt, muß ich das eigentlich? Ganz klares NEIN. Niemand muss seinem Gegenüber, sei es nun Vater, Freund oder Arbeitskollege, erklären, was er in seiner Freizeit tut, und erst recht nicht, wie sein Liebesleben aussieht. Erzählt seine beste Freundin oder dein bester Freund ungebeten, wie, wann und wo sie/er es mit ihrem Freund/Freundin treibt und wie es ihr/ihm dabei geht? Plaudern Arbeitskollegen zwischen Fußballerliga und Arbeitstratsch über Sex-Praktiken und dabei verwendete Hilfsmittel? Eher nicht. Wieso sollten dann ausgerechnet SMer damit anfangen? Was in deinem Bett, oder an deinem Andreaskreuz passiert, ist allein deine Sache. Du entscheidest, mit wem du darüber reden möchtest. Was hat man zu verlieren, wenn man sich outet? Die Liebe der Eltern? Die Gemeinschaft der Freunde? Die Achtung der Nachbarn? Den Arbeitsplatz? Darauf gibt es keine allgemeingültige Antwort. Es kommt auf das persönliche Umfeld, die Mitmenschen jedes Einzelnen an. Wenn das aber so ist, sollte man es lassen. Schütze dein kleines Geheimnis, auch wenn es manchmal schwer fällt, wenn du Gefahr läufst, Menschen zu verletzen, die dir wichtig sind. Letztendlich ist SM, und wie du es lebst, deine Angelegenheit.
Doch andererseits, und jetzt ein JA zum Outing, bist du es vielleicht leid, dich zu verstecken, immer zu lügen und dich heimlich in`s Studio zu schleichen. Bevor Besuch kommt, wird die Wohnung peinlichst durchsucht, ob da nicht was liegen geblieben ist nach der letzten wilden Nacht. Stell dir vor, Mutti findet den Paddel und fragt erstaunt „Klopft ihr die Teppiche noch mit Hand“? Klar würdet ihr euch besser fühlen, wenn du deiner Umwelt entgegnen könntest, dass der Dildo für deinen Mann ist, weil ihr das so mögt. Aber dazu gehört eine Portion Selbstsicherheit, die schon an Provokation heranreicht.
Das Coming-out unterscheidet man in zwei Phasen, das innere Coming-out und das äußere Coming-out. Das innere Coming-out umfasst den Teil des Prozesses bis zur Bewusstwerdung über eine bei der eigenen Person vorhandene sexuelle Orientierung. Aufgrund der normativen Erziehung entstehen bei SM-veranlagten Menschen zum Teil erhebliche Spannungen zwischen den Erwartungen der Umgebung an ihre Gefühle und den tatsächlich vorhandenen Gefühlen. Das führt oft zu einem subjektiven Gefühl des Andersseins und auch des Alleinseins. Viele SMer glauben zunächst, ganz alleine und einzigartig zu sein mit ihren Gefühlen.
Wer sich in einer solchen oder ähnlichen Situation befindet, dem wollen wir von „eSeM“ die Hand ausstrecken. Meldet euch, wenn ihr wollt, auch anonym. Entweder können wir euch mit unseren jahrelangen Erfahrungen mit SM und dazugehöriger Psychologie weiterhelfen. Wenn nicht, wissen wir Experten und Beratungsstellen in eurer Nähe, die ihr besuchen könnt. Wichtig ist nur: bleibt nicht allein mit eurem Problem. Das geht leider in den meisten Fällen schief. Sich mit Gleichgesinnten zu unterhalten ist ein erster Schritt. Und die findest du in der „eSeM“-Community. Wir müssen uns eines immer vor Augen führen - solange wir selbst uns nicht akzeptieren, uns verstecken, anonym bleiben, vermuten viele automatisch, wir hätten tatsächlich auch etwas zu verbergen. Das schürt nur Vorurteile. Erst wenn wir uns ganz selbstverständlich akzeptieren und zu unserer Neigung stehen, können wir auch Toleranz und Akzeptanz von unserer Umgebung erwarten.